Mittwoch, 27.05.2020 15:39 Uhr

11. April, Karsamstag - Das Verlangen der Seele

Verantwortlicher Autor: Gastautorin Gundelfine von Brackenheimer Früher und heute, 11.04.2020, 18:12 Uhr
Presse-Ressort von: Julia Barthold Bericht 4955x gelesen
Das Büchlein: TÄGLICHE HILFE von 1919
Das Büchlein: TÄGLICHE HILFE von 1919  Bild: Gastautorin Gundelfine von Brackenheimer

Früher und heute [ENA] Eine Gegenüberstellung von kleinen, täglichen Texten von 1919 mit aktuellen Gedanken dazu. * Was dachte man damals? Wie nahm man die Welt wahr? * Wie denken wir heute darüber? Wie nehmen wie heute wahr? * Wie denken wir heute, 100 Jahre später, über Gedanken und Wahrnehmungen von damals?

Die Sehnsucht unserer Seele dringt wie ein Schrei aus der Tiefe des Herzens empor. - Oh ja. Gerade in dieser Zeit, in der wir in der Kontaktbeschränkung ausharren müssen, überlagert dieses Schreien des Verlangens all die schönen Nebenwirkungen, das Urlaubs-Feeling, das wundervolle Wetter, die saubere Luft und den erleichterten ständigen Termindruck. Auch die Nachbarn, die täglich Besucher und den ganzen Tag lang Grill-Familientreffen, mit Kind und Kegel, im Garten haben, beschweren sich lautstark und ausgiebig über ihr Leiden darüber, dass sie ja keine Leute treffen würden. Paradoxerweise nicht nur immer wieder in zahlreichen Telefonaten, sondern auch im Gespräch mit ihren unzähligen Besuchern.

Allein das Gefühl, nicht zu dürfen, reicht offensichtlich schon, die Leute an den Rand des Wahnsinns zu bringen. Dabei ist für das innere Erleben gar nicht relevant, ob man im äußeren tatsächlich auch nur irgendetwas anders macht als sonst. Das Gefühl, dass man jetzt eben nicht könnte, wenn man wollte wie man nicht darf, ist schon ausreichend, um in der Seele ein großes Verlangen, eine große Sehnsucht hervorzurufen, das dann beginnt, aus der Tiefe der des Herzens heraus zu schreien und zu schreien und zu schreien.

Was aber heutzutage in den meisten Fällen nicht da ist, ist Gott als Adressat, als Anker und Trost für diese Schreie. Die Herzen schreien aber trotzdem und suchen sich für ihr Schreien verzweifelt Adressaten und Trost, der Linderung verschaffen könnte. Menschen suchen sich unterschiedliche vermeintliche Anker, die vermeintlich Linderung verschaffen und das Schreien der Seele schwächer macht. Etliche Menschen flüchten sich dazu zum Beispiel in Verschwörungstheorien, die mehr oder weniger glaubhaft versichern, dass alles ganz anders sei als erzählt wird, dass wir das nicht aushalten müssen, sondern unterdrückt und von irgendwelchen übermächtigen Verschwörern gelenkt werden.

Was diese Theorien gemeinsam haben, ist, dass sie die unsichtbare, nicht beherrschbare Gefahr des neuen Virus' durch etwas ersetzt wird, was menschengemacht ist, also gelenkt und gesteuert, schuldhaft verursacht wird. Also in gewisser Weise greifbar gemacht wird, wenn auch nicht durch die eigene Hand steuerbar, so doch gewissermaßen an Abstraktivität verliert, da es ja von anderen Händen in der diesen Verschwörern eigenen Logik gesteuert wird und einen Zweck zugesprochen bekommt. So bietet sich dann doch in gewisser Weise eine Art Anker, Greifbarkeit und Sinnfindung und damit eine Linderung für die schreiende, verlangende Seele.

Text für den 11. April, Teil 2

Eine andere Art von Adressatenfindung kann auch der Versuch sein, die eigene und gesellschaftliche Lebensführung wieder in gewohnte Strukturen, Glaubenssätze und Regelbarkeiten zurückzudrängen. Immerhin kann es passieren, dass die gewohnte Gesellschaft, das gewohnte Leben mit seinen geglaubten Regelbarkeiten vollkommen umstürzt. Niemand gibt freiwillig sein Weltbild und seine gefühlte Sicherheit innerhalb der bis dato gelebten Regelhaftigkeiten und Normen auf.

Meistens kann man gar nicht außerhalb der bisher gedachten Schemen denken, außerhalb der bisherigen Wahrnehmung. Man glaubt nicht, dass auch andere Ansatzpunkte und Systemiken funktionieren können, sofern man sich in die gefühlte Unsicherheit außerhalb der bisherigen Glaubenssätze wagt und ernsthaft anfängt komplette Ursache-Wirkung-Wechselwirkung-Komplexe völlig neu zu denken und anders aufzurollen - weg von den gelehrten Theoremen der Glaubenswissenschaftskreise, die seit Jahrzehnten den Diskurs insgesamt vollständig durchdringt und bestimmt.

Wonach streben wir heute? Nach welcher Größe richten wir unsere Seele zum Vorbild aus? Möchten wir überhaupt unserer Seele wachsen lassen, oder stört uns das in unserem täglichen Tun und Hedonismus? YOLO? Was füllt unser "YOLO" aus und mit Sinn? Brauchen wir einen Sinn? Suchen wir nach Sinn (auch z.B. Stichwort Verschwörungstheorien als Sinnersatz)? Was hilft uns heute, das Schreien und Verlangen der Seele zu befriedigen? Womit trösten wir uns?

Sind wir überhaupt krisenfähig, wenn das Schreien und Verlangen unserer Seele, mit aller Macht, völlig orientierungs- und ziellos in jeden verfügbaren Raum gebrüllt wird? Was macht das mit uns, wenn das hinausgebrüllte Schreien und Verlangen der Seele in irgendeinem Raum zufällig aufgefangen und Linderung versprochen wird? Wohin gehen wir heute mit unserer Verletzlichkeit, unserem Schreien, unserem Verlangen, unseren Ängsten und Nöten?

TÄGLICHE HILFE (1919) - 11. April: Das Verlangen der Seele

Wie ein Schrei aus der Tiefe des Herzens dringt die Sehnsucht unsrer Seele zu Gott empor und Gott läßt sie nicht unerhört. Nein, er begegnet ihr mit immer reicheren Gaben aus seiner Fülle. Wie ein Engel, der auf der Himmelsleiter auf und nieder steigt, sucht sie die leuchtende Bahn zum Throne Gottes und kehrt mit immer neuem Segen stets zurück. Sie ist nichts Geringeres als Leben aus Gott selbst in einem Menschenherzen, das danach ringt, zu Jesu Größe heranzureifen. Sie ist der gute Geist in uns, der helles Licht in unsre trüben Herzen wirft und nach und nach zum Bilde Gottes uns verklärt.

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